Kinesiologie

Hier sollen die bisherigen Entwicklungen der Kinesiologie als Methode möglichst einfach, dennoch alles Wesentliche berücksichtigend, nachgezeichnet werden, um damit eine Grundlage für ein Verständnis der aktuellen Situation der Kinesiologie zu geben. Der Fokus soll dabei eindeutig auf den Gemeinsamkeiten liegen, es soll aber auch nicht verschwiegen werden, dass die Kinesiologielandschaft sehr vielfältig ist. Wir brauchen also eine „Landkarte“, damit wir die Wege in die Zukunft finden können.

Inhaltsangabe

  • Kinesiologie und Touch for Health
  • Richtungen in der Kinesiologie
  • Anwender
  • Ausbildungen und Anbieter
  • Die Gemeinsamkeiten in der Grundhaltung
  • Das Besondere in der Schweiz
  • Vergleich zur internationalen Situation

 

Kinesiologie und Touch for Health (TFH)

Das Wort  „Kinesiologie“ heisst übersetzt „Bewegungslehre“ und hat sich in den letzten 15 Jahren im deutschsprachigen Raum hauptsächlich als Kurzform für „die angewandte Kinesiologie, die auf der Methode Touch for Health basiert“ eingebürgert. Gelegentlich werden unter diesem Begriff noch einige Methoden subsummiert, die sich selbst ausdrücklich ausserhalb der weiter unten dargestellten Urheberreihe stellen, aber dennoch den Begriff in Anspruch nehmen.  Die „Applied Kinesiology“ des ICAK (1) distanziert sich von der „Kinesiologie“, wie sie im folgenden beschrieben wird und wird hier nur im Rahmen der geschichtlichen Entwicklung erwähnt. Die „Clinical Kinesiology“ von Dr. Alan Beardall nimmt eine Mittelstellung ein, ist allerdings im deutschsprachigen Raum wenig vertreten.

Die in der Kinesiologie gebräuchlichen Muskeltests sind Anfang letzten Jahrhunderts in den USA von Dr. Robert W. Lovett von der Harvard Medical School entwickelt und in den dreissiger Jahren von den Physiotherapeuten Florence und Henry Kendall weiterentwickelt worden. Die Bewegungsabläufe der Tests blieben im Grossen und Ganzen gleich, verändert haben sich vor allem die Interpretationen der Testergebnisse. Diese machen heute die Kinesiologie in all ihrer Stärke und Schwäche aus.

In den Worten Dr. George Goodhearts (2) „... begann die Applied Kinesiology 1964 mit dem einfachen Konzept, das bei Muskelspasmen meist eine Schwäche der Antagonisten beteiligt ist und zwar ursächlich“. Dr. Alan Beardall (3) führte ein anderes Timing der Muskeltestabläufe ein, dadurch war es möglich, die neurophysiologische Steuerung der Muskeln zu testen und damit ihre relative Stärke/Schwäche. Die damalige Behandlung bestand darin, schwache Muskeln mit verschiedenen manuellen Methoden (4) zu stärken. Eine weitere wichtige Entdeckung Goodhearts war die „therapy localization“, mit der es möglich war, Muskeltestergebnisse in Zusammenhang zu bringen mit verschiedenen Funktionseinschränkungen durch Berührung bestimmter Zonen auf der Körperoberfläche. Der Quantensprung war dann zweifelsohne seine Idee, die Muskel-Organ-Beziehungen der Applied Kinesiology mit den Meridian-Organ-Beziehungen der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) zusammenzuführen. Auf diesen Zusammenhängen beruhen heute die meisten kinesiologischen Interpretationen.

1965 lernten sich Dr. John Thie und Dr. Goodheart kennen. In den folgenden Jahren begleitete John Thie ihn als Lehrkollege bei vielen Vorträgen und Seminaren. Zusammen mit seiner Frau Carrie versuchte er, Goodheart davon zu überzeugen, ein Buch über die Applied Kinesiology für Laien zu schreiben. Diese Idee, in der Zeit der amerikanischen „Grassroots“-Bewegungen (5) entstanden, führte schliesslich zu einer der weltweit am meisten verbreiteten Methoden der privaten Gesundheitsversorgung.

Goodheart ermutigte das Ehepaar Thie, dieses Buch selbst zu schreiben. Erfahrene Therapeuten und Autoren aus dem Bekanntenkreis der beiden machten ihnen den Vorschlag, zunächst Seminare für Laien zu unterrichten und die daraus entstehenden Protokolle als Grundlage für das Buch zu verwenden. Die Thies nannten ihr erstes Programm „Health from within“, eine Synthese von Gesprächspraxis aus der Kommunikationslehre und Körperarbeit aus der Applied Kinesiology. Schon während dieser Seminare wurden sie von Menschen angesprochen, die „Gesundheit von innen“ an andere weitergeben wollten. So entstanden paralell zu den Kursen das erste Instruktor-Training und das Buch. Es wurde 1973 unter dem Titel Touch for Health herausgegeben.

Dr. Thie wurde der erste Präsident des 1975 gegründeten International College of Applied Kinesiology (ICAK). Er hatte ursprünglich die Vorstellung, Laien und Berufskollegen könnten gemeinsam die Applied Kinesiology erlernen und entwickelte dafür Seminare, die er gemeinsam mit Dr. Goodheart, Dr. Sheldon Deal und Dr. Alan Beardall unterrichtete. Offensichtlich fühlten sich die Mediziner in diesem Setting unwohl, denn die Teilnehmerzahlen nahmen bald ab. Später beschlossen die Mitglieder vom ICAK mehrheitlich, nur noch Berufsangehörige, die eine Diagnoseerlaubnis haben, aufzunehmen.

In der Zwischenzeit war es notwendig geworden, die weitere Entwicklung des Touch for Health zu organisieren. Ebenfalls 1975 wurde die Touch for Health Foundation (TFHF) gegründet als eine Non-Profit-Schule. Carrie Thie holte Gordon Stokes in das Lehrerkollegium, später wurde er Direktor der internationalen Ausbildung. Er brachte die Idee ein, das Modell der Fünf Elemente aus der TCM in das TFH zu integrieren. 1990 wurde die TFHF-Schule aufgelöst und die Rechte, Instruktoren auszubilden, an die TFH-Fakultät weitergegeben, aus der das International Kinesiology College mit Sitz in Zürich (heute in Australien) entstand.


Richtungen in der Kinesiologie

Als das TFH immer bekannter wurde, mussten die Thies eine Entscheidung treffen, wie diese Verbreitung am besten gefördert werden könnte. Sie bevorzugten das „Grassroots“- vor dem Franchise-Modell. Die Schule finanzierte sich also nur durch die Seminargebühren. Die Teilnehmer, die das Instruktor-Training erfolgreich abgeschlossen hatten, brauchten für ihre eigenen Kurseinnahmen keine Lizenzgebühren abführen. Die einzige Verpflichtung, die sie eingingen, war, in TFH-Kursen ausschliesslich TFH zu unterrichten. Diese Regelung hatte interessante Folgen: Wollten Instruktoren Bestandteile des TFH weglassen oder andere Themen und Methoden integrieren, gaben sie ihren Kursen, so war die Vereinbarung, andere Namen. Auf diese Weise entstanden im Laufe der Zeit verschiedene Kinesiologierichtungen der „zweiten Generation“.

Einige Instruktoren brachten die Kenntnisse aus ihren persönlichen Berufen mit ein oder entwickelten den Einsatz des TFH für spezielle Bereiche weiter. Einer davon war der Erziehungswissenschaftler Dr. Paul Dennison, der zu Beginn der achtziger Jahre eine Kursreihe entwickelte, die erst unter dem Namen Educational Kinesiology (Edu-K), später als Brain Gym, bekannt wurde. Dabei wurden die Methoden des TFH genutzt, um Menschen mit Dyslexie zu helfen. Dr. Dennison führte auch eine Reihe von Körperübungen ein und entwickelte die Dennison-Lateralitätsbahnung. Wie viele andere Kinesiologie-Entwickler schöpfte er aus dem grossen Fundus neuer Ansätze der Sechziger und Siebziger in Amerika (6).

Gordon Stokes schied 1986 aus der TFHF aus. Er begründete gemeinsam mit Daniel Whiteside ein eigenes Kinesiologiekonzept: Three-in-One. Der Schwerpunkt lag auf dem Auflösen psychischer Blockaden, um z.B. Lernen zu erleichtern, Stress zu reduzieren und die persönliche Leistung zu verbessern.

Eine andere Regelung brachte ebenfalls Vielfalt in die Kinesiologielandschaft: Um TFH-Instruktor bleiben zu können, musste man eine Präsentation bei einem der Jahrestreffen der TFHF durchführen. Daraus entwickelten eine Reihe von Instruktoren ihre eigenen Kinesiologiesysteme, Wayne Topping z.B. Ende der Siebziger die Wellnesskinesiologie. Dr. Jimmy Scott verwendete die Muskeltests, um Menschen mit Allergien zu helfen, sowie mit Umwelt- und geopathischen Problemen. Er nannte seine Methode Health Kinesiology. Richard D. Utt entwickelte ab 1984 eine strikt meridianbasierte Kinesiologie, die Applied Physiology.

Viele Kursteilnehmer waren vom TFH so begeistert, dass sie die Anwendung dieser Selbsthilfemethode zu ihrem Beruf machen wollten. Dr. Bruce Dewe aus Neuseeland gab 1981 seine Arztpraxis auf, um als TFH-Fakultätsmitglied für den südpazifischen Raum tätig zu sein. Zusammen mit seiner Frau Joan Dewe entwickelte er eine auf dem TFH aufbauende Kursreihe, die zunächst Professional Health Practitioner (PHP)-, dann Professional Kinesiology Practitioner (PKP)-Kurse genannt wurden und für die berufliche Anwendung bestimmt waren. Er trat damit teilweise in Konkurrenz zum ICAK.

Die hier genannten Kursreihen sind heute weltweit bekannt, die dort erlernbaren Fähigkeiten können sowohl im beruflichen, wie im Selbsthilfebereich eingesetzt werden. Es würde im Moment den Rahmen dieses Artikels sprengen, auf diese näher einzugehen oder auch nur alle zu nennen. Die Entwicklung hat auch noch kein Ende: In den Neunzigern entstanden Kurse der dritten Generation, insbesondere auf der Edu-Kinesiology, auf der Applied Physiology und auf dem Three-in-One-Concepts aufbauend. Eine vierte Generation ist schon in Sicht.


Anwender

Wie schon aus dieser Geschichte erkennbar, befindet sich die Kinesiologie im Spannungsfeld zwischen Berufs- und Privatanwendung. Die Diskussion, ob Kinesiologie nun in die Hände von Jedermann oder nur durch Angehörige medizinischer Berufe angewendet werden darf, ist schon vor langer Zeit durch die Praxis entschieden worden: Es ist beides möglich. Einschränkungen gibt es durch den gesetzlichen Rahmen des jeweiligen Landes und durch die Sorgfaltspflicht der Anwender, nur solche Methoden anzuwenden, die sie auch wirklich beherrschen.


Ausbildungen und Anbieter

Die Entwicklung der Kinesiologie fand bis Anfang der Neunziger fast ausschliesslich in den USA statt. Die entsprechenden Ausbildungssysteme und Kursreihen wurden dann von den Europäern übernommen. So kam die Kinesiologie zuerst nach England, ab Anfang der Achtziger auch in den deutschsprachigen Raum. 

Bei allen Kursreihen galt das amerikanische Prinzip: Nehme an einem Kurs teil und setze es sofort in die Praxis um – wer Lust auf mehr hat, belegt den Folgekurs in der entsprechenden Reihe. Dies ist eine sehr flexible Möglichkeit der individuellen Fortbildung. Durch die gemeinsame Wurzel aller Kursreihen im TFH lässt sich allerdings Redundanz nicht vermeiden. Spezialisierung ist wiederum recht früh möglich und man kann (von der Redunanz, die ja auch angenehme Wiederholung sein kann, einmal abgesehen) seine Ausbildung nach dem Motto: „So viel wie nötig – so wenig wie möglich“ gestalten. Viele Seminaranbieter und Schulen arbeiten auch heute noch mit diesem Kurs-Curriculum. 

In Europa wurde dann eine Kinesiologieausbildung zum ersten Mal in Zürich angeboten. Inzwischen gibt es vor allem in Australien, Neuseeland, Schweden und in der Schweiz mehrere in sich abgeschlossene Ausbildungen. Die Inhalte variieren dabei teilweise beträchtlich, Basis ist und bleibt aber immer das TFH. 

Während die Kinesiologieschulen, Kursanbieter und –organisatoren gewerbliche Betriebe sind, haben sich im Laufe der Zeit auch verschiedene Verbände gegründet. Einige davon wurden von grösseren Kursanbietern ins Leben gerufen, mit Interessensverflechtungen, die manchmal nur schwer zu durchschauen sind, als Folge.


Gemeinsamkeiten in der Grundhaltung

Die Wurzeln der Kinesiologie liegen in der „Grassroot“-Bewegung, auch wenn die Begründer einiger Kinesiologierichtungen Lizenzgebühren von den autorisierten Kursleitern verlangen oder in anderen Fällen die Instruktorenerlaubnis restriktiv gehandhabt wird.

Kinesiologie ist immer offen für Neues, Ungewöhnliches, Individuelles. Sie kann als neue Kommunikationsmethode verstanden werden, die Muskeltests sind dann das Feedbackmittel, mit dem der Klient/Patient etwas über sich selbst erfährt. Die Muskeltestergebnisse werden in den verschiedenen Kinesiologierichtungen zwar unterschiedlich interpretiert (z.B. als Indikator für die Neurophysiologie, für Chi, für die Emotionen, für biochemische Prozesse), man ist sich aber immer auch der anderen Ebenen bewusst. Aus diesem Grunde ist es auch von Vorteil, mehrere Kinesiologierichtungen zu kennen, um dem Klienten/Patienten ein geeignetes Angebot machen zu können.


Das Besondere in der Schweiz

Die Vielfalt, Individualität und Selbständigkeit der Kinesiologie scheint insbesondere den Schweizern zu liegen. Wahrscheinlich ist die Schweiz das Land mit den meisten Kinesiologieanwendern pro Kopf. Nur in der Schweiz werden kinesiologische Sitzungen/Behandlungen von den Krankenkassen bezahlt, nur in der Schweiz entwickelt sich ein eigenständiges Berufsbild. Durch das neue Berufsbildungsgesetz besteht zum ersten Mal weltweit eventuell die Möglichkeit, als Kinesiologe im Rahmen des Berufsbildes „Komplementärtherapeut“ eine staatliche Anerkennung zu bekommen. Dies wird sowohl als Chance, wie auch als Gefahr angesehen. Die Diskussion darüber, ob staatliche Prüfungen einen Beruf zu sehr reglementieren, sind so alt, wie Berufsausbildungen selbst. Es ist und bleibt immer eine Frage, wer definiert, was zum Berufsbild und zur Prüfung gehört. Hier sind schweizerische KinesiologInnen und ihre Verbände gefragt, sie bilden die Avantgarde, die ganze Kinesiologiewelt schaut ihnen zu.


Internationale Situation

In einigen Ländern, wie z.B. in den USA, in Deutschland oder Österreich wird die Ausübung der Heilkunde stark eingeschränkt. Dabei ist die Grenzlinie für den Laien zwischen erlaubt und unerlaubt neben der selbstverständlich reglementierten Anwendung gefährlicher Methoden (Medikamente, Operationen, Strahlen) interessanterweise die Diagnostik. Hier unterscheiden sich, nebenbei bemerkt, auch die Definitionen des Muskeltests von ICAK (diagnostisches Mittel) und der hier beschriebenen Kinesiologie (Kommunikationsmittel).

Einen „Kinesiologen“, wie es ihn durch die tolerante kantonale Handhabung in der Schweiz gibt, gibt es in diesen Ländern nicht. In Österreich z.B. darf man zwar als Kinesiologe ein Gewerbe anmelden, man darf aber nur mit Gesunden arbeiten. In Deutschland wird die Kinesiologie in verschiedenen Berufen genutzt, z.B. in der Heilpraxis, in der Gesundheits- und Lernberatung, ein eigenständiges Berufsbild hat sich aber nicht etablieren können. In anderen Ländern ist dies ähnlich, so dass die Schweiz nicht nur für die Kinesiologie, sondern für die ganze Komplementärtherapie eine Vorreiterrolle spielen könnte.


Anmerkungen

Ein Teil dieser Arbeit basiert auf: A history, context and vision for TFH, the first 25 years and the next millennium, Dr. J. Thie, 1998, http://www.touch4health.com/history.html

(1) ICAK = International College of Applied Kinesiology. Weltweite Organisation, die Ausbildungen in der Applied Kinesiology anbietet. Mitglieder können nur Personen werden mit einem Beruf, in dem diagnostiziert werden darf. Zurück

(2) Dr. George Goodheart Jr., D.C. Geboren 1918 in Detroit, graduierte 1939 am National College of Chiropractic in Chicago. Er war Urheber und ständiger Innovator der Applied Kinesiology. Er starb am 5. März 2008. Zurück

(3) Dr. Alan Beardall, D.C. Geboren 1938, kam 1987 bei einem Unfall ums Leben. Kollege von Dr. Goodheart. Pionier und Innovator, führte das sogenannte Modesystem und viele Muskeltests ein. Entwickelte die „Clinical Kinesiology“. Zurück

(4) Viele dieser ursprünglichen Behandlungsmethoden bilden auch heute noch die Basis des TFH, z.B. neurolymphatische Reflexzonen nach Dr. Chapman (1930), neurovaskuläre Reflexpunkte nach Dr. Bennett und Dr. DeJearnette (1930). Zurück

(5) Selbsthilfegruppen, Bürgerinitiativen, Nachbarschaftshilfe, basisdemokratische Bewegungen .Zurück

(6) Z.B. Neurolinguistisches Programmieren, Yoga, Shiatsu, Psychokybernetik, Doman-Delacato-Therapie. Zurück


Autor

Georg Weitzsch, Heilpraktiker. Ausbildungsleiter der Akademie für Kinesiologie- und Heilkunde im Dreiländereck Schweiz-Österreich-Deutschland. Mitgliedschaften: 3HO-Yogalehrerverband, KineSuisse - Berufsverband für Kinesiologie, Naturärzte Vereinigung der Schweiz, Union deutscher Heilpraktiker.

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